»Der historische Weg ist nicht das Trottoir des Newsky Prospekt; er führt durchweg über bald staubige, bald kothige Felder, bald durch Sümpfe, bald durch dichten Wald. Wer sich scheut, mit Staub bedeckt zu werden und seine Stiefel zu beschmutzen, der bleibe der öffentlichen Thätigkeit fern: sie ist eine für die Menschen wohlthätige Beschäftigung, wenn man dabei wirklich das Wohl der Menschen im Auge hat, sie ist jedoch eine nicht ganz saubere Beschäftigung.«
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VIII.

Die revolutionäre Stimmung der polnischen Gesellschaft fiel zusammen mit einer starken Gährung innerhalb der oppositionellen Kreise in Rußland. Es gährte unter den Studenten, es entstanden geheime Verbindungen, die Flugblätter verbreiteten und einen allgemeinen Aufstand der mit den Bedingungen ihrer »Befreiung« nicht zufriedenen Bauern erwarteten. Alle diese »Unruhen« griffen unmittelbar in die Lebensschicksale Tschernischewsky's ein.

Zu jener Zeit, erzählt der verstorbene Schelgunow in seinen Erinnerungen, »ging überhaupt die Verbreitung von Flugblättern mit großer Kühnheit und ziemlich offen vor sich. Es kam vor, daß man Bekannten mit vollgestopften Taschen begegnete, die auf die Frage: »Was haben Sie da«, ganz ruhig antworteten: »Flugblätter«, -- als würde es sich um irgend eine legale, ja offiziell gebilligte Druckschrift handeln. Oder: in euer Zimmer trat ein Bekannter ein, welcher, ohne ein Wort zu sagen, ja sich verstellend, als habe er euch gar nicht erkennt, euch ein Bündel Flugblätter zustellte, um sich darauf eilig mit derselben Inkognito-Miene davon zu machen. Flugblätter wurden im Theater auf den Sitzen in der Form von Theaterzetteln ausgebreitet, in den Konzertsälen an die Wände geklebt, ja, wie man erzählt, sogar den Leuten in die Taschen gesteckt; und was das Flugblatt »An die junge Generation« betrifft, so soll dieses von einem Herrn, der auf einem weißen Traber durch den Newsky (die Hauptstraße in Petersburg) ritt, rechts und links ausgestreut worden sein. Endlich wurden Flugblätter per Post versendet. Mit besonderer Kühnheit wurde auch das Flugblatt »And die Offiziere« verbreitet. Es geschah dies am Ostersonntag während der Frühmesse, und es soll sogar in den Kirchen vertheilt worden sein.« Derselbe Schelgunow bemerkt, die Bedeutung aller dieser Flugblätter hätte einfach darin gelegen, daß sie »einen Akt der Kühnheit darstellten und den Eindruck von knallenden Petarden machten«. Das ist richtig. Die arbeitende Bevölkerung Petersburgs wird sicherlich das auf den Straßen ausgestreute Flugblatt »And die junge Generation« gar nicht verstanden haben.[Fußnote] Indeß schon allein die Kühnheit, mit der die Flugblätter verbreitet wurden, mußte bei der Regierung den Glauben hervorrufen, daß hinter den Vertheilern der Flugblätter eine große revolutionäre Macht stehe. Dies gab einen vortrefflichen Anlaß, jene »milde Maßregeln« zu ergreifen, mit deren Hilfe die russische Regierung ihre Gegner zur Raison zu bringen pflegt. Es wurden Verhaftungen ins Werk gesetzt. Unmittelbar am Tag nach der Verbreitung des Flugblattes »An die junge Generation« (im Herbst 1861) wurde einer der hervorragendsten Mitarbeiter des »Sowremennik«, M.I. Michajlow, verhaftet. Dieses Ereigniß rief eine starke Aufregung in den literarischen Kreisen Petersburgs hervor. Ein paar Tage darauf versammelten sich bei dem Herausgeber der Zeitschrift »Rußkoje Slowo«, Graf Kuscheljew, fast sämmtliche Petersburger Schriftsteller, um über etwaige Maßnahmen zu Gunsten des Verhafteten zu berathschlagen. Es wurde beschlossen, dem Minister der Volksaufklärung (zu dessen Ressort damals die Presse gehörte) eine Petition einzureichen mit der Bitte, für Michajlow sich verwenden zu wollen. Der Minister (der bereits oben erwähnte Admiral Putjatin) nahm die Petition an, wenn auch mit der Bemerkung an die Abgeordneten, es gebe in Rußland keine Schriftsteller-Klasse. Dagegen befahl der liberale Alexander II. die Abgeordneten zu verhaften.[Fußnote] Unterdessen saß Michajlow in der Festung und setzte die Untersuchungsrichter durch seine scharfen und wahrheitsgetreuen Antworten in Erstaunen. Er bekannte sich zu einem der Flugblätter und erklärte, daß er von ganzem Herzen die in Rußland bestehende Ordnung hasse und ungeduldig den Sturz der zarischen Regierung erwarte. Der Senat verurtheilte ihn zu fünfzehn Jahren Zwangsarbeit in den Bergwerken (die schwerste Art von Zwangsarbeit). Der Zar setzte die Strafe auf sieben Jahre herab; das war sehr großmüthig, die Hauptsache aber war erreicht: einer der ersten »Rädelsführer« der revolutionären Bewegung war beseitigt. Bald sollte die Reihe an den allerersten »Rädelsführer« kommen, an Tschernischewsky.

Die Studentenunruhen von 1861, die großes Aufsehen erregten, wurden dadurch hervorgerufen, daß die Regierung Alexander II. selbst in den Flitterwochen ihres Liberalismus, wie bereits gesagt, es nicht über sich bringen konnte, auch nur den Schatten der akademischen Freiheit zu dulden. Im Jahre 1856 war zu Kurator des Petersburger Lehrbezirks Fürst G.A. Schtscherbatow ernannt worden, eine Art Liberaler. Er hatte den Studenten erlaubt, eine Kasse, eine Bibliothek nebst Lesezimmer zu gründen und ihr »Archiv« herauszugeben. Um alle diese Zweige der studentischen Wirtschaft zu leiten, wurden Versammlungen abgehalten, die ihre Vertrauensmänner wählten. Die Studenten begannen ein korporatives Leben zu führen. Das gefiel jedoch der Regierung nicht. Im Jahre 1860 mußte Fürst Schtscherbatow demissioniren und an seine Stelle trat der kaukasische General Philippson. Nun begann man den Studenten »die Zügel straffer anzuziehen«. Die Studentenversammlungen wurden verboten, ebenso die öffentlichen Vorträge, welche von den Professoren zu Gunsten der Studentenkasse gehalten wurden, die Kasse selbst, wie auch die den Studenten gehörende Bibliothek wurden geschlossen. Dem korporativen Leben der Studenten wurde ein Ende gemacht, und zugleich wurden Maßnahmen getroffen, um den Zudrang von Studirenden zu der Universität einzudämmen (zu jener Zeit zählte die Petersburger Universität 1500, in den letzten Regierungsjahren des Nikolaus blos 300 Studenten); der Universitätsrath durfte den Studenten nicht mehr die Kollegiengelder erlassen. So sah das neue Universitätsreglement aus, ersonnen vom »aufgeklärten Seefahrer«, dem Minister der Volksaufklärung, Admiral Putjatin. Die besten Professoren der Petersburger Universität beeilten sich zu demissioniren, die Studenten aber begannen, trotz des Verbots, geräuchvolle Versammlungen abzuhalten. Es kam sogar zu einer Demonstration der Studenten, die sich zum Kurator Philippson begeben hatten, um ihn zur Rede zu stellen. Seinen martialischen Erinnerungen getreu, appelirte dieser an die Militärgewalt. Dabei kam es zu einem Straßenzusammenstoß zwischen den Studenten und den Soldaten. Die Universität wurde für eine Zeit lang geschlossen, von den Studenten wurden so viele verhaftet, daß nicht alle in der Peter-Pauls-Festung Platz finden konnten und die Ueberzähligen nach Kronstadt mit Dampfschiffen gebracht werden mußten.

Dies alles ereignete sich im Jahre 1861, und im Frühling des folgenden Jahres fanden in Petersburg zahlreiche und furchtbare Brände statt, welche die Regierung den »Nihilisten« in die Schuhe schob. Die reaktionäre Presse jammerte von der Nothwendigkeit strenger Maßregeln und denunzirte in der unverblümtesten Weise Tschernischewsky und seine Gesinnungsgenossen.

Dagegen gab Tschernischewsky seinen Artikeln einen immer revolutionäreren Charakter. Er, der es einst für möglich und nützlich gehalten hatte, die Regierung über ihren eigenen Vortheil in der Sache der Bauernemanzipation aufzuklären, dachte jetzt nicht mehr daran, sich an die Regierung zu wenden. Alle Unterhandlungen mit ihr, alle Hoffnungen auf sie schienen ihm mit Recht eine höchst schädliche Selbsttäuschung zu sein. In dem Aufsatze »Ein russischer Reformator«, geschrieben aus Anlaß eines Buches von Baron M. Korf »Das Leben des Grafen Speransky«[Fußnote], weist Tschernischewsky eingehend nach, daß kein Reformator, welcher ernste soziale Reformen durchführen will, in Rußland auf die Regierung rechnen kann. Um so weniger können die Revolutionäre auf sie rechnen. Speransky wurde von seinen Feinden ein Revolutionär genannt, -- diese Benennung erscheint Tschernischewsky lächerlich. Speransky hatte allerdings wirklich sehr weitgehende reformatorische Pläne im Auge, aber »es ist lächerlich, Speransky einen Revolutionär zu nennen, wenn man die Mittel ins Auge faßt, die er zu benutzen gedachte, um seine Projekte durchzuführen.« Seine einzige Stütze war das Zutrauen des Kaisers Alexander. Auf dieses Zutrauen gestützt, glaubte er auch seine Reformen durchführen zu können. Und eben darum war er in Tschernischewsky's Augen ein schädlicher Träumer. Die Träumer sind oft einfach lächerlich, ihre Selbsttäuschungen sind oft sehr harmloser Natur, aber sie »können der Gesellschaft schädlich werden, wenn sie sich in ernsten Dingen Selbsttäuschungen hingeben. Durch ihre begeisterten Eifer erzielen sie einige scheinbare Erfolge auf einem falschen Weg, wodurch Viele irregeleitet werden, indem sie durch diese angeblichen Erfolge veranlaßt werden, dieselbe falsche Bahn zu betreten. In dieser Hinsicht kann Speransky's Thätigkeit als eine schädliche bezeichnet werden.«[Fußnote]

Indem Tschernischewsky der Jugend -- natürlich andeutungsweise -- die Nothwendigkeit einer revolutionären Handlungsweise nahe legte, betonte er zugleich, daß ein Revolutionär, um seine Zwecke zu erreichen, oft Schritte thun müsse, die für einen ehrlichen Mann bei der Verfolgung rein persönlicher Zwecke schlechterdings unstatthaft seien. So geht er, noch im Januar 1861, in der Besprechung eines Buches des amerikanischen Oekonomen Carey, unerwarteter Weise zu Betrachtungen über die bekannte jüdische Heldin Judith über und rechtfertigte ihre That mit warmen Worten: »Der historische Weg ist nicht das Trottoir des Newsky Prospekt; er führt durchweg über bald staubige, bald kothige Felder, bald durch Sümpfe, bald durch dichten Wald. Wer sich scheut, mit Staub bedeckt zu werden und seine Stiefel zu beschmutzen, der bleibe der öffentlichen Thätigkeit fern: sie ist eine für die Menschen wohlthätige Beschäftigung, wenn man dabei wirklich das Wohl der Menschen im Auge hat, sie ist jedoch eine nicht ganz saubere Beschäftigung. Aber freilich läßt sich die sittliche Reinheit verschieden auffassen: Mancher mag vielleicht der Meinung sein, Judith z.B. habe sich nicht befleckt. …  Versuchet euren Gedankenkreis zu erweitern -- und ihr werdet euch in vielen Einzelfällen zu ganz anderen Handlungen verpflichtet sehen, als diejenigen sind, welche ihr bei der isolirten Betrachtung derselben Fälle als eure Pflicht betrachten würdet.«

Als die Regierung im Anfang der sechziger Jahre die Zensurschranken etwas erweiterte und der Presse erlaubte, sich über die Frage einer neuen Zensurordnung auszusprechen, da beeilte sich Tschernischewsky, seine Meinung darüber abzugeben, eine Meinung, die sehr von den hergebrachten liberalen Ansichten abwich. Zwar verspottet er selbst beißend die Leute, welche glauben, daß der Druckerpresse irgend eine spezifische unheilvolle Kraft beiwohne, so eine Art Kraft, wie die der Tollkirsche, der Schwefelsäure, des Knallsilbers u.s.f. Jedoch giebt er zu, daß es Epochen gebe, wo die Presse der Regierung eines Landes nicht minder gefährlich sei, als Kartätschen. Das sind nämlich solche Epochen, wo die Interessen der Regierung nicht mit den Interessen der Gesellschaft übereinstimmen und also ein revolutionärer Ausbruch im Anzuge ist. In einer solchen Situation hat die Regierung allen Grund, die Presse einzuschränken, weil diese gleich anderen gesellschaftlichen Kräften ihren Sturz vorbereitet. In einer solchen Lage befanden sich fast alle französischen Regierungen, die in diesem Jahrhundert einander so oft ablösten. Dies alles ist von Tschernischewsky sehr umständlich und ruhig ausgeführt. Von der russischen Regierung ist bis zum Ende des Artikels gar keine Rede. Aber am Schluß fragt Tschernischewsky unerwartet den Leser: nun, und wenn es sich erweisen würde, daß hier in Rußland wirklich Preßgesetze nöthig seien? »Dann würden wir noch einmal die Namen Obskuranten, Fortschrittsfeinde, Freiheitshasser, Verherrlicher des Despotismus u.s.w. erhalten, wie wir uns schon oft solchem Tadel auszusetzen hatten.« Daher will er auch nicht die Frage untersuchen, ob in Rußland spezielle Preßgesetze nöthig seien oder nicht. »Wir fürchten, daß uns eine gewissenhafte Untersuchung zu der Antwort führen würde: ja, sie sind nöthig.«[Fußnote] Die Schlußfolgerung ist klar: sie sind nöthig, weil Rußland in die revolutionäre Periode seiner Entwicklung getreten ist.

In demselben Märzheft des »Sowremennik« erschien auch ein kleinerer polemischer Artikel: »Hat man etwas gelernt?« Gelegenheit dazu gaben die oben geschilderten Studentenunruhen. Tschernischewsky vertheidigt dort die Studenten gegen den ihnen von den »Konservativen« gemachten Vorwurf, daß sie nicht studiren wollten, und sagt nebenbei der Regierung manche bittere Wahrheit. Den nächsten Anlaß zu dieser Polemik gab der Artikel eines unbekannten Autors »Lernen oder nicht lernen?«, welcher in den »St. Petersburger Akademischen Nachrichten« erschien. Tschernischewsky antwortet nun darauf, daß diese Frage in Bezug auf die Studenten keinen Sinn habe, da diese immer lernen wollten und nur von den einschränkenden Universitäts-Reglements daran verhindert würden. Diese Reglements wollten die Studenten -- Menschen, die in einem Alter stehen, in dem nach den russischen Gesetzen ein Mann heirathen, in den Staatsdienst aufgenommen werden und »Kommandant einer militärischen Abtheilung« sein darf -- wie kleine Schuljungen behandeln. Kein Wunder also, daß sie dagegen protestirten. Man untersagt ihnen selbst solche durchaus harmlose Organisationen, wie kameradschaftliche Hilfskassen, die aber bei der schlechten materiellen Lage der meisten Studenten unbedingt nothwendig seien. Die Studenten könnten nicht anders, als sich gegen solche Reglements auflehnen, weil es sich hier um ein »Stück Brot und um die Möglichkeit des Besuchs der Vorlesungen handelt: dieses Brot, diese Möglichkeit wurde ihnen genommen«. Tschernischewsky sagt offen heraus, daß es gerade der Zweck der Universitäts-Reglement sei, der größten Anzahl derer, die studiren wollen, die Möglichkeit des Studirens zu nehmen. »Wenn der Autor des Artikels oder seine Gesinnungsgenossen es für nöthig halten, das Gesagte zu widerlegen, so mögen sie die Dokumente veröffentlichen, welche sich auf die Berathungen beziehen, aus denen jene Reglements hervorgegangen sind.«

Der anonyme Autor des Artikels »Lernen oder nicht lernen?« warf nicht nur den Studenten, sondern auch der ganzen russischen Gesellschaft vor, daß sie nichts lernen wolle. Dies benutzte nun Tschernischewsky, um die Diskussion über die Universitätsunruhen auf einen allgemeineren Boden hinüberzuleiten. Sein Gegner gab zu, daß einige Anzeichen allerdings dafür sprächen, daß die russische Gesellschaft lernen möchte. Das bewiesen nach seiner Meinung »Hunderte« von neu entstandenen Zeitschriften und »Dutzende von Sonntagsschulen«. »Hunderte von neuen Zeitschriften! Wo hat denn der Autor diese Hunderte hergenommen?« -- ruft Tschernischewsky aus. -- »Allerdings aber brauchten wir wirklich Hunderte. Und will der Autor vielleicht wissen, warum nicht Hunderte von neuen Zeitschriften entstehen, wie es eigentlich sein sollte? Weil es Dank unserer Zensur nirgends einer lebensfrischen periodischen Zeitschrift möglich ist, zu existiren, als etwa in einigen größeren Städten. Jede reiche Handelsstadt sollte einige, wenn auch kleine Zeitungen haben; in jedem Gouvernement sollten wenigstens einige lokale Blättchen erscheinen. Aber sie existiren nicht, weil sie nicht existiren können. …  Dutzende von Sonntagsschulen. …  Das ist schon nicht übertrieben, nicht so wie Hunderte von neuen Zeitschriften: in einem Reiche, das mehr als sechzig Millionen Einwohner zählt, kann man die Sonntagsschulen wirklich nur zu Dutzenden zählen. Und doch sollten ihrer Tausende und Abertausende sein, und es könnten auch wirklich so viele entstehen und schon jetzt wenigstens einige Tausend existiren. Warum sind es aber nur Dutzende? Weil sie so verdächtigt, so eingeschränkt und eingeschnürt sind, daß selbst den hingebendsten Menschen alle Lust am Unterrichten vergeht.«

Nachdem aber der anonyme Autor in der Existenz von »Hunderten« von neuen Zeitschriften und von »Dutzenden« von Sonntagsschulen die scheinbaren Anzeichen für die Thatsache gesehen, daß die Gesellschaft lernen möchte, beeilte er sich hinzuzufügen, daß diese Anzeichen trügerlich seien. »Da hört man Geschrei auf den Straßen« -- erzählt er melancholisch -- man sagt, da und dort sei dies und das geschehen; unwillkürlich läßt man den Kopf hängen und wird enttäuscht. …  « -- »Erlauben Sie, Herr Autor«, -- erwidert nun Tschernischewsky -- »welches Geschrei hören Sie denn auf den Straßen? Das Schreien der Schutzleute und der Polizeilieutenants? -- das hören wir auch. Sprechen Sie etwa davon? Man sagt, da und dort sei dies und das geschehen  …  was z.B. eigentlich? Dort geschah ein Diebstahl, hier eine Ueberschreitung der Amtsgewalt, da wurde ein Schwacher bedrückt, hier ein Starker begünstigt -- davon wird unaufhörlich gesprochen. Ueber dieses Schreien, welches Alle hören, und über diese täglichen Gespräche muß man allerdings wirklich unwillkürlich den Kopf hängen lassen und enttäuscht werden.«

Der Ankläger der Studenten beschuldigte sie ferner der Unduldsamkeit gegen andere Meinungen und auch dessen, daß sie bei ihren Protestaktionen zu Pfeifen, faulen Aepfeln und dergleichen »Straßenwaffen« griffen. Tschernischewsky entgegnet ihm, daß »Pfeiffen und faule Aepfel nicht als Straßenwaffen gebraucht werden: als solche dienen Bajonette, Gewehrkolben, Säbel«. Er empfiehlt seinem Gegner, darüber nachzudenken, »ob die Studenten diese Straßenwaffen gegen Jemand gebraucht haben, oder ob sie vielmehr gegen die Studenten gebraucht worden sind … und ob es wirklich nöthig gewesen sei, diese gegen die Studenten zu gebrauchen«.

Man wird verstehen, daß derartige Artikel Tschernischewsky's einen großen Eindruck auf die russischen Studenten machen mußten. Als später, am Ende der sechziger Jahre, sich die Studentenunruhen wiederholten, wurde jener Artikel als die beste Vertheidigung der gerechten Forderungen der Studenten in ihren Versammlungen vorgelesen.


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Weiter: IX. Hinauf: Tschernischewsky und seine Zeit. Zurück: VII.


G. Plechanow (1857–1918):
»N.G. Tschernischewsky. Eine literar-historische Studie.«
Stuttgart 1894.
Rechtschreibung der Vorlage. Die schöne Frakturschrift wird hier leider nicht wiedergegeben, sondern in der PDF-Datei tschernischewsky.pdf (c:a 2 MB), die für den Druck besser geeignet ist als die HTML-Dateien. Es gibt hier auch eine Antiquafassung tschernischewsky_a.pdf (c:a 460 kB).

Emil Tusen <generaldepoten@rambler.ru> Wed Sep 25 21:00:51 CEST 2002


Generaldepoten — Emil Tusens Kulturpalats.
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