»Möge diese maßlose Schandthat wie ein Fluch auf der Regierung ruhen, auf der Gesellschaft, auf der niederträchtigen, bestechlichen Presse, welche diese Verfolgung heraufbeschworen und sie aus persönlichen Motiven aufgebauscht hat. Sie hat die Regierung an die Ermorderung der Kriegsgefangenen in Polen gewöhnt; sie hat sie in Rußland an die Bestätigung der Urtheilssprüche der wilden Ignoranten des Senats und der ergrauten Bösewichter des Staatsraths gewöhnt. …  Und da kommen elende Menschen, Gras von Menschen, Weichthiere von Menschen, und sagen, man solle ja nicht diese Räuber- und Lumpenbande schmähen, die uns regiert!«
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XII.

Der Senat verurtheilte Tschernischewsky zum Verlust aller bürgerlichen Rechte, zu vierzehnjähriger Zwangsarbeit in den Bergwerken und nachheriger lebenslänglicher Ansiedelung in Sibirien. Im endgiltigen Urtheil wurde die Zwangsarbeit auf sieben Jahre herabgesetzt. Am 13. Juni 1864 fand auf dem Mysinsky-Platz (im Stadtviertel Peski) die Verlesung des Urtheils über den großen russischen Sozialisten statt. Blaß, mager, abgehärmt, wurde er an den »Schandpfahl« gestellt, und er stand schweigend da, mit dem Rücken gegen den Beamten gewendet, der das Urtheil verlas. Sodann mußte der Verurtheilte über sich die Zeremonie der Degenzerbrechung ergehen lassen, worauf der Henker seine Hände in Ringe zwängte, die an das Schaffot geschmiedet waren. In diesem Augenblicke fiel ein Blumenstrauß auf das Schaffot, und in der Menschenmenge, die den Platz erfüllte, wurden Aeußerungen der Sympathie für den Verurtheilten laut. …  Tschernischewsky wurde nach Sibirien transportirt. --

Der berüchtigte Henker Murawjew suchte ihn später noch in den Karakosow'schen[Fußnote] Prozeß hineinzuverwickeln, aber Alexander II. widersetzte sich dem seltsamerweise und Tschernischewsky blieb in Sibirien. Dort verblieb er zwanzig Jahre, und dabei wurde er auf das Drängen des Gensdarmerie-Chefs, Grafen Schuwalow, bei allen Erlassen über Erleichterung der Lage der Deportirten übergangen. Nach Beendigung seiner siebenjährigen Zwangsarbeit wurde er in Wiljuisk (Regierungsbezirk Jakutsk) angesiedelt, wo er zu Gesellschaftern einzig die ihn bewachenden Kosaken und Gensdarmen haben konnte. In diesem neuen Gefängniß in einem entlegenen und äußerst ungesunden sibirischen Winkel lebte er bis zum Jahre 1884, wo man ihm erlaubte, nach Astrachan überzusiedeln. Staunen muß man, wie dieser physisch kraftlose, schwachbrüstige Mann die ganze Menge der über ihn verhängten Mißhandlungen hat ertragen können.

Die russischen Revolutionäre machten mehrere Versuche, Tschernischewsky zu befreien, -- leider sämmtlich ohne Erfolg.

Gleich nach seiner Rückkehr aus Sibirien warf sich Tschernischewsky wieder sehr eifrig auf die literarische Arbeit. Er übersetzte fleißig Weber's Weltgeschichte und schrieb mehrere Aufsätze für periodische Zeitschriften. -- Von diesen Aufsätzen sei nur gesagt, daß, obwohl sie der Sprache und Manier nach Tschernischewsky leicht erkennen lassen, sie doch nicht mehr den früheren Glanz und die frühere Tiefe des Gedankens Tschernischewsky's aufweisen. Sein Aufsatz gegen Darwin ist geradezu schwach, so daß er den drückendsten Eindruck hinterläßt. Wenn man ihn liest, fühlt man, daß man es mit einem endgiltig geknickten und gebrochenen Schriftsteller zu thun hat. Das bischen Freiheit, die man ihm vor seinem Tode ließ, konnte den früheren Tschernischewsky nicht mehr wecken. Der frühere Tschernischewsky war durch das Urtheil des Senats gemordet, und nie hat die russische Regierung ein größeres Verbrechen an der geistigen Entwicklung Rußlands verübt. Und darum wollen wir, indem wir diese biographische Skizze schließen, mit dem tiefsten Mitgefühl Herzens Worte wiederholen, die er schrieb, sobald ihm das Urtheil über Tschernischewsky bekannt wurde: »Möge diese maßlose Schandthat wie ein Fluch auf der Regierung ruhen, auf der Gesellschaft, auf der niederträchtigen, bestechlichen Presse, welche diese Verfolgung heraufbeschworen und sie aus persönlichen Motiven aufgebauscht hat. Sie hat die Regierung an die Ermorderung der Kriegsgefangenen in Polen gewöhnt; sie hat sie in Rußland an die Bestätigung der Urtheilssprüche der wilden Ignoranten des Senats und der ergrauten Bösewichter des Staatsraths gewöhnt. …  Und da kommen elende Menschen, Gras von Menschen, Weichthiere von Menschen, und sagen, man solle ja nicht diese Räuber- und Lumpenbande schmähen, die uns regiert!«


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G. Plechanow (1857–1918):
»N.G. Tschernischewsky. Eine literar-historische Studie.«
Stuttgart 1894.
Rechtschreibung der Vorlage. Die schöne Frakturschrift wird hier leider nicht wiedergegeben, sondern in der PDF-Datei tschernischewsky.pdf (c:a 2 MB), die für den Druck besser geeignet ist als die HTML-Dateien. Es gibt hier auch eine Antiquafassung tschernischewsky_a.pdf (c:a 460 kB).

Emil Tusen <generaldepoten@rambler.ru> Wed Sep 25 21:00:51 CEST 2002


Generaldepoten — Emil Tusens Kulturpalats.
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